Istvan Hunter: Lieber Björn, wir haben uns schon einige Male im Zusammenhang mit Aletheia der Organisation, die sich für menschenwürdige Medizin und Wissenschaft einsetzt, getroffen. Ursprünglich wurde diese Vereinigung gegründet, um der etablierten Schulmedizin etwas entgegenzusetzen. Heute sprechen wir jedoch über eine Alternative zum herrschenden Krankenkassensystem in der Schweiz. Dabei wollen wir insbesondere die Unterschiede zwischen dem schweizweit organisierten Verein Artabana und dem neu gegründeten Projekt von Andreas Heisler, Panaceha anschauen. Was ist Artabana und wie kamst du dazu?
Björn Riggenbach: Ich habe mich ab 1992 zuerst in Betrn, dann in Neuchatel in einer Artanbana Gruppe engagiert. Artabana ist ein Verein. Das Ziel dieses Vereins war ursprünglich die Deckung aller Gesundheitskosten der Mitglieder. Das hat bis zum Krankenkassenobligatorium auch funktioniert. Artabana kam für alle Gesundheitskosten von Mitgliedern damals auf. Mit dem Obligatorium mussten die Leute dann in eine Krankenkasse einzahlen. Damit war das Modell nicht mehr möglich für die Grundversicherung.
Artabana lebt aber immer noch von den Mitgliederbeiträgen der Menschen. Dazu wird ein individueller Gesundheitskostenbedarf festgelegt. Das heisst, jedes Mitglied definiert, was es im folgenden Jahr konkret an Gesundheitsausgaben haben wird. Dabei schätzt sich das Mitglied selbst ein. Eine Mischung aus Erfahrungswert und Voraussicht in die Zukunft. Auch das individuelle Vermögen und Einkommen sollen darüber entscheiden, wieviel das Mitglied einbezahlt. Dann kann im laufenden Jahr bis zu 30% aus dem selbst einbezahlen Betrag im Gesundheitskostenfonds bezogen werden. Wenn jemand mehr als 30% (-) braucht, wird das im Vereinsvorstand besprochen. Der Vorstand entscheidet dann, ob es bezahlt wird. Das Ganze funktioniert bestens. Finanziell ersetzt es momentan nur die sogenannte Zusatzversicherung, weil in der Schweiz die Leute ja hauptsächlich in die Grundversicherung einzahlen müssen. In der Schweiz gibt es ca. 200 Mitlglieder in 15 Gruppen. In Deutschland gibt es über 200 Gruppen.
Es ist klar, dass Beträge, die man freiwillig in einen solidarischen Fonds einbezahlt eine andere Kraft haben als Zwangsbeiträge an die Krankenkassen.
Die Artabana Gruppe muss (in Neuchâtel) von den Mitgliedern 4x im Jahr besucht werden. Dies ist wichtig, damit ein Vertrauensverhältnis entsteht. Geld war in unserer Artabana Gruppe immer genug da bis jetzt. Grundsätzlich denke ich, dass, wenn die Leute ihre gesamten Krankenkassenbeiträge in die Artabana Gruppen einzahlen würden, dieses System die (-) obligatorischen Krankenkassen vollständig ersetzen würde.
IH: Was hattest du für eine Rolle bei Artabana?
BR: Ich war für die Koordination der Finanzbedürfnisse einzelner Gruppen innerhalb von Artabana Schweiz, einer Dachorganisation, zuständig. In der schweizweiten Organisation schufen wir damals einen Hilfsfonds für ärmere Regiogruppen und einen Nothilfefonds für Nichtmitglieder.
In Neuchatel haben wir uns schlieslich unabhängig gemacht vom Dachverband. Unser Verein heisst seither Cercle de Santé de Neuchatel. Uns passte die Ausschüttungsweise von Finanzüberschüssen der Dachorganisation nicht mehr.
IH: Aus Sicht der Dreigliederung sollte das Geistesleben, und dazu gehört die Medizin, frei, das heisst unbehelligt von staatlicher Bevormundung und von wirtschaftlichen Profitinteressen, arbeiten können. Was wären politische Schritte die dazu aus deiner Sicht nötig wären?
BR: Das Krankenkassenobligatorium muss zuerst abgeschafft werden. Dieses Obligatorium ist entstanden, weil die wirtschaftlichen Interessen im Gesundheitswesen über dieses Obligatorium an die Gelder der Patienten herankommen konnten und wohl nicht aus Solidarität. Der Staat gibt heute zwar allen Patienten eine Garantie, dass sie unbegrenzt (die anerkannten) Leistungen beziehen können, während er der Gesundheitsindustrie garantiert, dass ihre Leistungen vergütet werden. Im Effekt führt das aber dazu, dass ein unersättliches System von Leistungserbringern genährt wird, während der Patient im Glauben bestärkt wird, er hätte ein unbegrenztes Anrecht auf Gesundheits-Leistungen, weil er ja dafür bezahlt. Beides ist falsch.
Artabana würde dem gegenüber eine völlige Freiheit grantieren. Freiheit der Arzt- und Patietenwahl, aber auch Freiheit bezüglich Therapiewahl und dem Finanzierungsmodus, der selbst zwischen Therapeut und Patient ausgehandelt wird. Im herkömmlichen Modell sind Arzt/ Therapiewahl/ und auch Tarif(-) unfrei und werden durch eine völlig fachfremde Organisation eingeschränkt – den Staat. Dazu finden fortwährend staatlich reglementierte Eingriffe durch das Lobbying bevorzugter Wirtschaftsunternehmen und der Krankenkassen statt. Sie bilden Verbände wie z.B Santé Suisse, die dann (-) Zulassungen und damit die Berechtigungen der Ärzte zum halbstaatlichen Markt (staatlich reglementiert) der Versicherungsleistungen vergibt.
IH: Wie wäre die Medizin aus deiner Sicht zu finanzieren, damit sie bestmöglich frei arbeiten kann?
BR: Wenn man das KVG System abschaffen würde, könnte parallel dazu das Artabana-Modell eingeführt werden. Das würde bedeuten, dass sich die Menschen eigenverantwortlich mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen und persönlich engagieren.
IH: Du hast dich auch kritisch gegenüber Hausarzt- oder HMO Modellen im etablierten System geäussert. Wo siehst du eine Problematik bei Hausarztmodellen innerhalb des bestehenden Systems?
BR: Hausarzt- oder HMO Modelle sind bestimmte Varianten des bestehenden KVG Systems. Das heisst, es gelten hier genauso die gesetzlichen Vorschriften des KVG. Das Modell führt zu Prämienreduktion und soll den Ärzten ermöglichen, effizienter zu wirtschaften. Patient und Arzt müssen jedoch auch mehr Konzessionen eingehen. Die Arztwahl wird für den Patienten eingeschränkt, je nach dem muss er bestimmte Medikamente oder Apotheken wählen. Ärzte müssen auch im Hausarztmodell an sogenannten Qualitätszirkeln (-), Fortbildungen oder ähnlichem, teilnehmen, welche die Krankenkassen (-) verlangen. Sie werden auch hier teilweise mit finanziellen Anreizen von ihrer Kern-Aufgabe abgelenkt und administrativ beschäftigt. Das Ziel aller dieser Eingriffe sind Kostensenkungen für die Krankenkassen. Somit haben wir es mit fachfremden Lenkungsmassnahmen aus Profitinteressen zu tun.
IH: Wo siehst du hier das sogenannte Capitation Modell?
BR: Das Capitation Modell ist eines der HMO-Angebote der Versicherungen. Hier bekommen die Hausarztgemeinschaften einen fixen Prozentsatz der „Pro-Kopf“-Krankenkassenprämien. Die Hausärzte können dann im Prinzip über den Gewinn-Anteil der Prämien frei verfügen. Die Gefahr besteht aber auch hier, dass die Krankenkassen in die HMO-Netzwerke eingreifen und dann über die Jahre mehr und mehr Regulierungen einführen, wenn sie sehen, dass ein HMO Modell erfolgreich ist. So zum Beispiel in der Vergangenheit, als nach einiger Zeit wieder der Zwang zur Tarmed-Abrechnung eingeführt wurde. Die Versicherungen führen also vermehrt Kontrollen und Einschränkungen ein, um die Prämiengelder wieder bei sich zu konzentrieren.
Man müsste sich bei der Aushandlung eines HMO Modells folglich bei den Krankenkassen ausbedingen, dass die Kassen in Zukunft auf alle Regulierungen des Modells verzichten. Das werden sie aber kaum tun. Aletheia beteiligt sich aus diesem Grund nicht an Panaceha. Aus dem Hausarztmodell kann auf der Grundlage des KVG’s aus meiner Sicht nichts neues hervorgehen. Das KVG ist nicht vereinbar mit der notwendigen Freiheit in Medizin und Geistesleben. Aus diesem Grund setze ich ganz auf Artabana.
Lieber Björn, ich danke dir für das Gespräch!
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Nach dem Gespräch haben wir eine Replik von Andreas Heisler zu seinem neuen Panaceha-Projekt erhalten. Es ist wichtig, dass über diese Dinge ein fachgerechter Dialog stattfindet. Andreas Heisler schreibt uns in diesem Sinne:
Ich weise in meinen Vorträgen immer wieder darauf hin, dass es bei PanaCeHa zwei Stufen gibt:
- Stufe: Gesundheitsmodell, Hausärztenetzwerk, Capitation, prämienfinanziert, in Kooperation mit Krankenkasse(n), KVG
- Stufe: Genossenschaft: grösstenteils aus Prämien finanziert, Ärzte- und Therapeutennetzwerk, ohne Krankenkasse(n), nicht KVG sondern frei und in völliger Eigenverantwortung.
Es wird immer nur über den ersten Schritt diskutiert, der zweite Schritt ist praktisch Artabana, aber eben prämienfinanziert! Artabana bei Aletheia ist wie ein Zusatzversicherung und es wird die Illusion verbreitet, damit sei man ausserhalb des KVG. Das stimmt insofern nicht als dass jedes Mitglied bei Artabana auch im KVG zwangsversichert sein muss, also auch Prämien zahlen muss, diese aber nicht mehr in «unser» System zurückfliessen. So wird die Zweiklassenmedizin gefördert und nicht die Selbstverantwortung. Artabana funktioniert nicht wie eine Privatversicherung (das wäre sie in Deutschland) sondern als eine Art Zusatzversicherung. Das gleiche gilt übrigens für die PanaCeHa Genossenschaft. Sie kann allerdings nur in Verbindung mit dem HMO-/Capitation-/Hausarztmodell von uns funktionieren. Und zwar nach ganz ähnlichen Prinzipien wie Artabana aber aus den KVG-Prämien der (Zwangs-)Versicherten finanziert und nicht nur aus dem eigenen Sack. Das ist das kluge und zukunftsfähige an diesem Modell. Deswegen schliessen sich Artabana und PanaCeHa überhaupt nicht aus, sie können sich auf einvernehmliche und synergistische Art und Weise ergänzen. Ich verstehe nicht, dass man das seitens des ALETHEIA Vorstandes nicht unterstützen möchte. Die meisten Regiogruppen sind da weiter, was zu einer Entfremdung innerhalb des Vereins führen kann.
Duplik Björn Riggenbach:
«Berichtigung:
Die Aussage in der Replik, Artabana suggeriere eine Möglichkeit, die Grundversicherung zu ersetzen, entspricht nicht der Wahrheit. Das Gegenteil ist der Fall, indem immer wieder explizit erwähnt, geschrieben und nun auch im neuen Film gesagt wird (www. aletheia-scimed.ch), dass – was zwar kompliziert zu verstehen ist – das Artabana-Modell höchstens die Zusatzversicherung ersetzen könne.«
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