Das Schweizer Gesundheitswesen, die Dreigliederung und PanaCeHa, Referat vom 27. September 2025 von Prof. Dr. Konstantin Beck

Sehr geehrte Damen und Herren

Ich spreche hier bei Ihnen als Gast, unvertraut mit Gepflogenheiten, wenig vertraut mit dem Stil der Tagung und mit bruchstückhaften Kenntnissen der Dreigliedrigkeit.

Und wenn Sie meine Affiliationen hören, Statistiker, Krankenkassenmanager, Gesundheitsökonom, dann fragen Sie sich vielleicht, wo da eine gemeinsame Basis für ein Gespräch zu finden wäre. Nun vielleicht in der Dringlichkeit des Themas: der Entwicklung des Gesundheitswesens. Und in der Tatsache, dass ich mir seit 32 Jahren Gedanken zu diesem Thema mache und dabei auf verschiedene Ansätze gestossen bin, die in der Dreigliedrigkeit Steiners, soweit ich sie verstanden habe, eine abrundende Ergänzung fanden.

Da wäre ERSTENS die Definitions-Problematik bei Hans Georg Gadamer. Wir sprechen von Gesundheit und wissen nicht, was sie sein soll. Dazu Gadamer: «Gesundheit ist nicht etwas, das sich als solches bei der Untersuchung zeigt, sondern etwas, das gerade dadurch ist, dass es sich entzieht. Gesundheit ist uns also nicht ständig bewusst und begleitet uns nicht besorgt wie die Krankheit……Sie gehört zu dem Wunder der Selbstvergessenheit.“ (Zitat Ende). Damit wird die oft beschworene Prävention zum Problem. Macht Prävention krank? Zumindest reisst sie mich aus dem Zustand der Selbstvergessenheit. Und Gadamer weiter: «Provisorisch könnte Gesundheit determiniert werden als: reibungsloses Funktionieren des Organismus (…), aber ist in allen Fällen klar, was Ordnung und was Störung ist? Was ist, wenn die Ordnung nichts weiter ist als eine vom Menschen gesetzte Norm, deren Verletzung dann die Störung ist? Und wie viel Störung braucht eine Ordnung evtl., um gut funktionieren zu können?»

  • Was ist, wenn Krankheit mich gesund macht? Infektionen sind Krankheiten, aber sie stärken das Immunsystem.
  • Was ist die Bedeutung der Psychosomatik? Einer schweren, langwierigen Diskushernie begegnete ich schliesslich mit einer dreiwöchigen Pilgerreise. Das Schlimmste für die Hernie, ganz klar, aber die Reise selbst? Wundersam, lebensverändernd, psychisch stabilisierend. Seither habe ich den Rücken im Griff der zuvor mich im Griff hatte.
  • Und was meint Gadamer mit der Abweichung von der Norm? Ist unser Kind krank, weil es eine Trisomie hat? Zugegeben, es ist ein anderer Mensch, fröhlicherer, spontaner, auch sturer, aber soll es deswegen dem Tod übergeben werden, wie uns die Schulmediziner empfohlen hatten?

ZWEITENS: Auch im Beruf fiel mir die Besonderheit des Gutes Gesundheit auf: Die Einführung des Kassenwettbewerbs 1996 führte dazu, dass Kassen chronisch Kranke mieden und Gesunde umwarben. Verkehrte Welt.

Von 1994 bis 2020 setzte ich mich für eine Besteuerung der Gesunden und eine Subventionierung der schwer Kranke ein, um diese Auswüchse zu dämpfen. Jede und jeder in diesem Saal, sofern er oder sie in der Schweiz grundversichert ist, zahlt diese Steuer oder profitiert von dieser Subvention beim entrichten der Prämie. Dieses versicherungsmathematische Mittel ist äusserst effektiv, wenn auch nicht 100% perfekt.

DRITTENS: Der führende Schweizer Gesundheitsökonom Prof. Dr. Peter Zweifel fragte in den 90ern: «Machen uns die Behandlungen der Mediziner gesünder oder kränker?» Wenn ich jede Handreichung und jede einzelne Gesprächsminute einzeln entschädige (und so sind die medizinischen Tarifverträge heute ausgestaltet), wo liegt mein Interesse als Arzt, die Patientin zu heilen. Der Kranke ist die Goldgrube.

Das führt im einfachen Fall zu Betrug: So werden pauschale Zuschläge für Frühgeburten bezahlt. Und als Frühgeburt gelten Kinder mit weniger als 1000g Geburtsgewicht. Sie glauben nicht, wie viele Kinder neuerdings mit einem Gewicht zwischen 980 und 999g zur Welt kommen. Denn für jedes dieser Kinder zahlt die Kasse 20’000 Fr. mehr, als für schwerere Kinder.

Es führt im schlimmeren Falle zu Schlimmerem: Der ökonomisch rationale Pharmaproduzent nimmt auch schwere Nebenwirkungen seiner Produkte z.B. Krebs in Kauf, weil er am Verkauf sehr teurer Krebsmedikamente noch einmal verdient.

Ist deswegen die Ökonomie zu verteufeln? Nein. Und hier kommt die Dreigliederung ins Spiel: Sie zeigt, dass sich das Krankenversicherungsgeschäft an der Schnittstelle von Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben bewegt.

  • Die medizinische Behandlung gehört in den Bereich des Geisteslebens. Darum all diese Unschärfen, Unklarheiten. Darum braucht es ein sich Einfühlen in die Gesamtsituation der Erkrankten.
  • Die Finanzierung der Mediziner ist heute massiv im Denken des Wirtschaftslebens verankert. Mediziner denken an den Beinbruch, an die Milzoperation – weniger an Frau Huber und Herr Müller.
  • Und auch die Versicherung der Behandlungskosten ist zu eng mit dem Rechtsleben verknüpft. Es ist nicht Sache des Rechts, allen eine obligatorische Versicherung vorzuschreiben. Für einen Versicherungsschutz genügen freie Verträge im Wirtschaftsleben.

Ein Gleichgewicht entsteht, wenn die Sphären Wirtschafts- und Rechtleben besser voneinander abgegrenzt werden und der Geistaspekt der Medizin anerkannt wird: Denn, wer heilt letztlich, Arzt oder Patientin? Was hat es mit dem Placebo-Effekt auf sich? Auf welcher Ebene ist Heilung notwendig, seelisch, körperlich? Welche Ansätze sind sinnvoll, die Schulmedizin oder alternative medizinische Methoden?

Hier kommt das Konzept von PanaCeHa ins Spiel:

  • Wirtschaftsleben: Die Entschädigung der PanaCeHa-Ärzte erfolgt mit bewusst sehr groben Pauschalen (differenziert nach der Anzahl junger eingeschriebener Versicherter und der Anzahl älterer). Damit wird der Behandlungsentscheid von der Entschädigung entkoppelt. (Das ist ein massiver Kulturwandel.)
  • Rechtsleben: Leider ist das Versicherungs-Obligatorium sehr tief verankert. Aber mit den heute bestehenden Gesetzen, die bewusst Freiräume bieten, welche wenig bekannt sind, kann ein Ärzte-Therapeuten Netzwerk aufgebaut werden, das die Trennung zwischen Schulmedizin und Alternativmedizin aufbricht. Das ist eine absolute Innovation: Denn heute behandelt nicht selten der alternative Therapeut «gegen» die Schulmedizinerin, was kaum sinnvoll sein dürfte.
  • Geistesleben: Der ganzheitliche Blick auf den kranken Menschen, salutogenetische Methoden und das Bewusstsein, dass die Schädigung durch unüberlegte Verschreibung z. B. möglichst vieler oft gegenseitig unverträglicher Pharmazeutika zur iatrogenen Schädigung des Menschen führen muss.

Ist das überhaupt umsetzbar? Es ist nicht gegen die Kassen oder gegen die Schulmedizin umsetzbar und schon gar nicht mit dem von jeglicher Selbstverantwortung «befreiten» Patienten. Ein Zusammenspiel dieser drei Akteure ist jedoch vorstellbar und medizinisch, gesetzlich als auch versicherungstechnisch möglich. Aber es braucht bei den Medizinern, bei den Therapeutinnen, bei den Patienten und bei der Kassen-Managerin ein Umdenken und eine Begeisterung für dieses Projekt.

Schlussbemerkung: In den 90ern lancierte der Gesetzgeber neue Versicherungsformen, das Managed Care. Der Versicherte wählt sich einen Arzt, der ihn durch das Gesundheitswesen begleitet. Junge, begeisterte, risikofreudige und innovative Mediziner entwickelten entsprechende Modelle. Jedoch liessen sich nur 7% der Schweizer darauf ein und die Modelle blieben schweizweit chronisch defizitär. Ende der Neunziger entwickelten ich zusammen mit meiner späteren Frau die versicherungstechnisch vernünftigen Verträge, was die Defizite zum Verschwinden brach. Und 2005 passte Bundesrat Couchepin die Verordnung so an, dass die Modelle den Durchbruch schafften. Heute, 2024, sind 81% der Schweizer in einem solchen Modell versichert. Und die Modelle sind signifikant und nachweisbar günstiger als das alte Behandlungsmodell.

PanaCeHa ist eine deutliche Weiterentwicklung dieser eher traditionellen Ansätze. Neu führt der ausgewählte Arzt seine Patientin zu den sinnvollen Behandlungen. Warum soll diesem PanaCeHa-Projekt kein Erfolg beschieden sein?