Istvan Hunter, 18.01.2026

Unter dem Titel, “Die Lehrpläne wachsen, die Lernleistung sinkt” veröffentlichte Dr. Carl Bossard am 29.06.2025 in der NZZ am Sonntag einen Artikel, der sich damit beschäftigt, dass der Lehrplan 21 in der Schweiz zwar auf 470 Seiten insgesamt 363 Kompetenzen sowie 2304 Kompetenzstufen definiert die intensiv getestet werden, die Lernleistung der Schüler aber dennoch sinkt.

Seit bald 30 Jahren werde das Schweizerische Bildungssystem umgebaut und der Treiber dieses Umbaus sei der Regierungsrat Ernst Buschor gewesen. Dieser unterzog “zuerst das Spitalwesen und ab Mitte der 1990 Jahre auch die Volksschule einer Bildungsreform”. Er glaubte an die “konsequente Effizienzorientierung von Bildungssystemen, an ihre Mess- und Kontrollierbarkeit:…” “Die staatliche Schulstrategie stellte von der Input- auf die Outputsteuerung um. So sollte die Effizienz schulischer Bildungsarbeit erhöht und die Unterrichtsqualität am Outcome gemessen werden.”

Ergebnis: In ihrer neusten Sprachstudie kommt die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren der Schweiz (EDK) zum Schluss, “dass lediglich 51% der Schüler, z.B im Französisch, die Lese-Grundkompetenzen erreichen also die niedrigste Könnenstufe beim Lesen. Konkret: Sie begreifen einfachste Sätze wie. “Ou est la gare?” Die andere Hälfte ist damit bereits überfordert. (…) Nach 500 Französischlektionen verstehen sie also kaum einen Satz.” Laut Carl Bossard ist das verheerend.

Auch Maik Philipp, Professor für Deutschdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Zürich, kommt zum Schluss:“Fast die Hälfte der 15 jährigen Jugendlichen haben entweder eine ungenügende oder nur eine rudimentäre Lesekompetenz” (im Deutsch). (Tagesanzeiger vom 13.09.2025) “Wir laufen also sehenden Auges in ein derart schweres Problem hinein, zumal es in Wirklichkeit wahrscheinlich noch grösser ist. (…) Die von der OECD definierte Mindestkompetenz, die der PISA Studie zugrunde liegt geht zurück auf das Jahr 2000. Das Aufkommen digitaler Medien und die allgemeine Digitalisierung des Lesealltags bewirken, dass die damals definierte Mindestlesekompetenz ein Vierteljahrhundert später wohl nicht mehr ausreicht.”

Mit anderen Worten: Menge und Umfang der Daten, die wir tagtäglich aufgrund der Digitalisierung zu verarbeiten haben steigt und steigt. Menschen, die schon damit überfordert sind ein Buch zu lesen, sind erst Recht nicht in der Lage, in kurzer Geschwindigkeit all die Verträge, AGB’s, Vertragsbestimmungen, Gesetzestexte, und Newsartikel zu verarbeiten. Denn das menschliche Gehirn ist zur Verarbeitung von Daten -im Gegensatz zu Computern -auf Zeit und Erfahrung angewiesen. Wenn wir unsere Gesellschaft folglich mit einer exponentiell wachsenden Mengen an digitalem Müll fluten und den Leuten dazu noch erkläre, dass sie das alles wissen, einordnen, überblicken und beachten müssen, führt dies automatisch zu einer Überforderung, die wir nicht mehr bewältigen können. Für einen befreundeten Juristen ist jetzt schon klar, dass kein Mensch die ständig wachsenden neuen Verordnungen, Gesetze und Richtlinien überblicken und beachten kann, die staatliche Verwaltungen und Legislativen produzieren. Entsprechend wird es immer schwieriger sich überhaupt noch gesetzeskonform zu verhalten in gewissen Bereichen. “Wer nicht richtig lesen kann, ist von der Teilnahme an der gesamten textlich geprägten Schul- und Lebenswelt ausgeschlossen.” (Vergl. Maik Philipp)

Regierungsrat Ernst Buschor

Aber was ist der Kern der Ideen Ernst Buschors in Bezug auf unser Bildungs- und Gesundheitssystem? “Er war einer der führenden Promotoren der Wirkungsorientierten Verwaltungsführung und des New Public Managements. Im Gesundheitswesen führte er unter anderem die Fallpauschale ein. Es ging und geht hier um die “Übernahme privatwirtschaftlicher Managementtechniken” in der öffentlichen Verwaltung. (englisch new public management; deutsch auch Neues Steuerungsmodell).” Mit anderen Worten, man verwendet wirtschaftsliberale Methoden für Reformen ursprünglich staatlicher Bereiche wie des Gesundheits- und Bildungswesens.

Was bedeutet das nun aus Sicht der Dreigliederung? Nun, ich würde sagen, reiner Wahnsinn! Das Bildungs- wie das Gesundheitswesen sind Bereiche des Geisteslebens. Das heisst, sie müssen und können nur unabhängig vom Wirtschafts- und Rechtsleben (Staatlicher Lenkung) organisiert werden. Während eine staatliche Lenkung dieser Bereiche zur Gleichmacherei, zur Verflachung der Bildung, zu Unoriginalität, und Konformität, langfristig zur Reduktion der Leistungsfähigkeit führen muss (denn Lernen kann nicht staatlich instruiert werden), muss die Ökonomisierung dieser Bereiche zu Konkurrenzdenken, Ellenbogenmentalität und Asozialität führen. Indem man folglich, wie Herr Buschor, dieser beiden Prinzipien kombiniert, also privatwirtschaftliche Managementtechniken in der öffentlichen Verwaltung (sprich Schule und Gesundheitswesen) anwendet, kombiniert man die Prinzipien von Staat und Wirtschaft in einer Weise, wie sie zwingend zur Zerstörung führen müssen. Denn, sowenig wie staatliche Lenkungsprinzipien auf die Bildung angewendet werden dürfen, können es wirtschaftliche. Beides führt zur Zersetzung der Bildung. Auch wenn Herr Bossard dem nicht ganz zustimmen würde, weist er dennoch darauf hin indem er Peter Bichsel (früher Lehrer) zitiert: «Damals hatte man eine Schulstube, in der man schalten und walten konnte, wie man wollte. Der Lehrplan bestand aus zwanzig Seiten, und zwar für die gesamte Primarschule von der ersten bis zur sechsten Klasse. Inzwischen sind das richtige Wälzer.» – Bichsel und die pädagogische Freiheit! Und er ergänzte: «Ich musste damals im Jahr genau zwei Formulare ausfüllen: eins mit der Liste aller Schüler, mit Geburtsdatum und Heimatort; dazu einen Jahresbericht von einer A4-Seite, wo man angab, was man in dem Schuljahr so gemacht hatte. Heute haben die Lehrer jeden Tag mindestens eine Stunde Büroarbeit. Daran wäre ich wohl gescheitert, nicht an den Schülern, aber an der Bürokratie.” Und schliesslich: “Einer seiner Schüler schreibt: «Ich bin überzeugt, dass ich nur dank Peter Bichsel später im Beruf erfolgreich war.”

Mit anderen Worten, aller pädagogischer Fortschritt kann nur aus pädagogischer Freiheit kommen! Was diesen Schüler von Peter Bichsel letztlich überzeugt hat und was ihm die Möglichkeit gegeben hat, seinen eigenen Impuls als Mensch in der Welt zu finden, kam nicht aus dem System der Volksschule, sondern aus der Persönlichkeit seines Lehrers, Peter Bichsels. Aller pädagogischer Erfolg, und man könnte ergänzen auch aller medizinische Heilungserfolg, kann immer nur aus der Persönlichkeit des Arztes, respektive Lehrers kommen. Umgekehrt zerstört jedes fachfremde System, sei es staatlicher oder wirtschaftsplanerischer Natur, immer das Geistesleben, weil es genau diejenigen Freiräume besetzt, in denen der Arzt respektive Lehrer frei wirken können muss! Ohne die freie Beziehung zwischen einem Lehrer und seinem Schüler, zwischen einem Patienten und seinem Arzt kann gar nichts zustande kommen: Denn Heilung wie auch Lernerfolg werden entweder individuell ergriffen, oder sie finden nicht statt.

Der Staat hingegen kann sowenig wie die Wirtschaft definieren, was Heil- oder Lernerfolg ist. Das kann immer nur der einzelne, individuelle Schüler, Lehrer, Arzt. Der Versuch staatliche oder wirtschaftsliberale Systeme auf das Bildungs- oder Gesundheitswesen auszudehnen führt daher zur Zerstörung derselben. Wer sich das nicht eingestehen möchte, der kann es ja an den Wirkungen studieren.

Folglich haben die beobachtbaren Entwicklungen im Gesundheits- und Bildungsbereich einen klar definierbaren Ursprung. Es ist die Vermischung von staatlichen und wirtschaftlichen Steuerungsprinzipien mit dem Geistesleben. Was stattdessen geschehen muss, ist genau das Gegenteil: Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, wie die Bildung und die Medizin jenseits von aller staatlichen Kontrolle und jenseits aller wirtschaftlicher Profitinteressen gefördert und finanziert werden können. Nur so können Bildung und Forschung, – aber auch Gesundheit und Eigenständigkeit, sowie die Eigenverantwortung des Menschen kontinuierlich gefördert werden.

Vorgegebene Bildung führt zu Scheinbildung

“Unbewusst, zunehmend aber auch bewusst, weiß der Schüler, dass es auf die „Autorität“ des Lehrers nicht ankommt, weil der Lehrer sich diese ja nur beim Staat geborgt hat. Der Schüler weiß: Der Lehrer ist ein staatsabhängiger wie ich auch. Wenn ich durchschaue, was der Lehrer von mir hören muss, bekomme ich gute Noten, und dann komme ich vorwärts. Sowohl der Stoff als auch der Lehrer selbst werden Mittel zum Zweck des persönlichen Egoismus. Diese Schein-„Bildung“ entzieht später gerade dem demokratischen Rechtsleben den Boden(!). Rudolf Steiner sieht in der Zersetzung des Bildungsprozesses durch staatliche oder dem Staat abgekupferte Mechanismen eine der Hauptursachen des sozialen Verfalls, letztendlich auch des Staates selber. Er will das System deshalb umkehren („auf die Füsse stellen“ wie er sagt). Staat und Wirtschaft, so Steiner, müssen auf den sich entwickelnden Menschen bauen. Von den zukünftigen Menschen hängt ab, was einmal „Recht“ sein wird, und wie sich die wirtschaftlichen Verhältnisse gestalten. Das Kind selbst muss deshalb in den Mittelpunkt der Erziehung gerückt werden, und nicht die Lebensvorstellungen der Erwachsenen. In den Anlagen des Kindes liegt grundsätzlich etwas, das über die Weisheit der bestehenden Verhältnisse hinausgeht. Die Erziehung des Menschen nach Interessen des bestehenden Staates oder der gegebenen Wirtschaftsverhältnisse zu gestalten, hieße, dem zukünftigen Staat und der zukünftigen Wirtschaft die Lebenskräfte entziehen.” (Johannes Mosmann, Was ist eine Freie Schule? 2015)

Die unheilige Allianz ehemaliger Polaritäten

Was sagen uns dagegen heutige liberale und linke Exponenten in der Politik, wenn es um das Gesundheits- und Bildungswesen geht? Seit über 30 Jahren versuchen sie über entsprechende Kompromisse eine Politik durchzusetzen, die die Bildung letztlich verschlechtert. Während die Linken auf staatliche Regulierung setzen, haben sich die rechten Kräfte für eine Liberalisierung entschieden. Aber eben nicht für eine Liberalisierung vom Staat, sondern für eine solche durch den Staat. Das ist aber ein grundlegender Unterschied. Eine Liberalisierung durch den Staat kombiniert, wie erwähnt, die falschen Rezepte linker und rechter Politik im Gesundheits- und Bildungswesen und maximiert die Gewinne derjenigen, die nun über Preiskartelle verfügen und grosser Industrien, wie die Pharmaindustrie sowie derjenigen, die das Bildungswesen kontrollieren.

Wie in früheren Artikeln erwähnt, beschreibt Nationalrat Remy Wyssmann eindrückliche Beispiele dieser zerstörerischen Politik. Sie führt zum Beispiel zu halbprivaten Spitälern. Das halbprivate Spital darf nun weiterhin mit staatlichen Zuschüssen und staatlicher Preisgarantie über die vorgegebene Leistungsabrechnung und staatliche Monopole verfügen, muss aber nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten rationalisieren, (Fallpauschalen) und alle Vorgänge einer Zweckoptimierung und künstlichen Wettbewerbsbedingungen unterwerfen. Eben “konsequente Effizienzorientierung und privatwirtschaftliche Managementmethoden” im geschützten Bereich staatlicher Regulierung. Damit hat man in Wirklichkeit die destruktiven Elemente der linken Ansätze (alles verstaatlichen und zentralplanerisch verwalten) mit den destruktiven Ansätzen des reinen Profit/ Output- Kapitalismus verbunden.

Langfristig führt die staatlich kontrollierte Liberalisierung der Bildungs- und Gesundheitspoltik unter Ausschaltung allen wirklichen Wettbewerbs durch Preiskartelle und Staatsmonopole zu einer Amalgierung staatlich-kapitalistischer Interessen. Und das führt uns zu etwas, was in Wirklichkeit überhaupt nicht neu ist, sondern, das wir seit über 90 Jahren kennen.

Denn schon Mussolini beschrieb den Faschismus als Symbiose aus Staat und Korporatismus. Zitat: „Der Faschismus sollte Korporatismus heißen, weil er die perfekte Verschmelzung der Macht von Regierung und Konzernen ist.”

Artikelbild

Wer unserer Gesellschaft und damit auch dem Staat, die zukünftigen Lebenskräfte nicht entziehen will, der muss an der Befreiung des Bildungs- und Gesundheitswesens arbeiten. Dazu gibt es inzwischen viele ermutigen Initiativen, über die ich vereinzelt auf diesem Kanal schon berichtet haben. Es müssen systematisch Finanzierungsquellen gefunden und gefördert werden, die diese Befreiung fördern. Denn ein gesundes Bildungswesen ist nicht umsonst, aber nur ohne staatliche Einmischung zu haben. Dasselbe gilt für das Gesundheitswesen. Möglich ist beides, wenn seine Notwendigkeit eingesehen wird. Auch wenn es einen längeren Prozess der Einsicht immer grösserer Bevölkerungskreise voraussetzt. Vor 170 Jahren war es auch für viele Leute nicht vorstellbar, dass der Staat flächendeckend den Schulbesuch in der Schweiz ermöglicht. Nun ist es seit 170 Jahren Realität. Diesen Prozess vom Staat wiederum zu entflechten ist genauso möglich. Allein in der Coronazeit sind mehrere, vom Staat unabhängige Schulen entstanden, in die inzwischen hunderte Schüler gehen. Ebenso lassen sich im Bereich der Medizin und Heilkunst viele ermutigende Beispiele ausmachen, die auf soziale Art privat finanziert werden.

Die Zukunft fängt in den Köpfen der Jungen und Junggebliebenen an.