Als grösster Politikanlass 2026 wurde der Kompass Kongress am 27. Mai in «The Hall» Dübendorf bezeichnet. Und tatsächlich, wenn man die Mitgliederversammlungen der SVP, SP, FDP oder anderer Parteien mit dem Anlass in Dübendorf vergleicht, führt der Kompass Kongress mit 1700 Besuchern die Rangliste an. Am Ende wurde als Ziel ausgegeben: “Das nächste mal sind wir 5000 Leute hier.”
Während der Bundesrat die neuen Verträge zwischen der Schweiz und der EU nicht dem obligatorischen Referendum unterstellen will, beabsichtigt die Kompass-Initiative genau das. Sie will für das Vertragswerk nebst dem Volks- auch das Ständemehr und mobilisiert damit wachsende Kreise aus bürgerlichem Milieu und organisiert eine gut kapitalisierte Kampagne.
An Geldmitteln fehlt es ihr nicht, da ihre Initianten, drei Milliardäre aus der Finanzwirtschaft, über ausreichend Potential verfügen sich eine professionelle Kampagne leisten zu können. Seit 2024 gehen die auf Privatmarktanlagen spezialisierte Partners Group und der Asset Manager Blackrock eine Partnerschaft ein. So wollen “BlackRock und Partners Group vermögenden Privatanlegern den Zugang zu Privatmarktanlagen erleichtern.”
Doch zurecht fordert die Volksinitiative «Für eine direktdemokratische und wettbewerbsfähige Schweiz – keine EU-Passivmitgliedschaft (Kompass-Initiative)», dass sämtliche Staatsverträge, welche die Übernahme von wichtigen Recht setzenden Bestimmungen vorsehen, von Volk und Ständen gutgeheissen werden müssen. “Teil des Initiativkomitees sind Parlamentsmitglieder aus den Reihen von SVP und FDP, «Nebelspalter»-Chefredaktor Markus Somm sowie der frühere Skirennfahrer Bernhard Russi und Ex-SRF-Moderator Kurt Aeschbacher”.
Ich selbst habe am Kongress teilgenommen und war überrascht, wie vielfältig das Publikum war. Neben vielen Bekannten aus der Bürgerrechtsbewegung wurde das Bild bestimmt von Teilen des SVP Milieus, offenbar gut situierten konservativen, älteren Männern, aber auch einer Reihe unzufriedener FDP Mitglieder, die die Stimmung in der FDP nicht mehr aushalten. Sie nennen sich “Liberales Netzwerk” und artikulieren ihren Frust über die antiliberale Haltung der FDP in der Europafrage. Neben prominenten Moderatoren wie Reto Brennwald und Markus Somm, wurde der Kongress von akademischen Diskussionen über die juristischen und staatsrechtlichen Konsequenzen dominiert.
Prof. Schelker, Universität Fribourg, sprach über die ökonomischen Implikationen der EU Verträge und rechnete vor, dass der finanzielle Nutzen für die Schweiz allenfalls minimal bis nicht vorhanden ist, während der Souveränitätsverlust und das Risiko eines Verfalls demokratischer Institutionen immens ist. Grundsätzlich sei der Marktzugang der Schweiz nicht von den sogenannten Bilateralen III, wie sie zu Unrecht genannt würden, abhängig, sondern durch das Freihandeslabkommen von 1972 gesichert. Somit bedeuten die Verträge unter dem Strich kaum einen Wohlfahrtsgewinn bei gleichzeitiger Schwächung von kantonalem Wettbewerb, Föderalismus und Demokratie.
Ein kontrastierendes Bild boten zwei Unternehmerinnen, die vom “unternehmerischen Projekt EU” und von der EU als “Friedensprojekt” sprachen.
Zurecht fragte Fredy Gantner (Partners Group) Prof. Schelker, warum die Löhne nicht steigen, wenn doch die Fachkräfte-Nachfrage so hoch ist? Mit anderen Worten, weshalb steigt der Lebensstandard nicht durch die zunehmende Integration der Schweiz in den EU Binnenmarkt? Die Antwort von Mark Schelker wies in Richtung Füllkosten: Faktoren wie Immobilienpreisteigerungen und Preis-Anpassungseffekte bei knappen Gütern würden den Wohlstandsgewinn eben reduzieren. So profitieren von offenen Märkten und Grenzen eben diejenigen, die über Produktions- und Eigentumsmittel verfügen und nicht die Lohnabhängigen.
Mit “Her Voice” stellte die Schwedin und Wahlschweizerin Sara Hürlimann ihr Projekt einer Frauenlobby vor, das zeigen sollte, dass auch viele Frauen gegen die EU Verträge sind. Ein geschickter Schachzug. Wurde das Bild des Abends doch von vielen älteren Männern im Anzug domininert.
Wieso Arbeitgeberverbände, Economy Suisse und Gewerkschaften für eine totale Annäherung an die EU sind und damit gegen die Kompassinitiative, konnte von den Anwesenden nicht wirklich erklärt werden. Verbände und Konzernstäbe würden sich durch Abgehobenheit, Bequemlichkeit und finanzielle Interessen an Verwaltungsratsmandaten auszeichnen. Das sei der Hauptgrund für ihre Annäherung an die EU und ihre Aufgabe der Schweizer Souveränität.
Als Stargast wurde schliesslich Lord David Frost gefeiert. Ein Titel wie aus einem Harry Potter Roman. Baron Frost ist Mitglied des britischen Oberhauses, also des House of Lords. Er sitzt dort seit 2020 als sogenannter „Life Peer“ („Lord Frost“). Als Oberhaus Abgeordneter hatte er für Boris Johnson die EU Verhandlungen über den Brexit 2020 zu führen. Er hielt ein Referat über den Vorgang des Brexit und erklärte, dass grosse Teile des britischen Establishments und der Bevölkerung gegen den Brexit gewesen seien und diesen verzögert hätten. Der Brexit habe Britannien folglich gespalten. GB sei nun zwar unabhängig, habe aber mit seiner grosszügigen Einwanderungspolitik, einer hohen Steuerabgabenlast, einer ideologisch motivierten Netto Null Politik, und wachsender eigener Überregulierung die Vorteile des Brexit relativiert. Insgesamt fänden in Bezug auf das Verhältnis EU – GB ähnliche Integrationsmassnahmen statt, wie in der Schweiz, und man habe mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, was Freihandel und EU Beziehungen anbelangt.
Zum Abschluss gab es eine Lagebeurteilung von Marcel Erni (ebenfalls Partners Group). Seine Lagebeurteilung war jedoch mehr ein Verweis auf das bereits gehörte, während sein Strategischer Ausblick in dem Aufruf gipfelte “ein stolzer Schweizer zu sein”.
Eine Frage bleibt unbeantwortet: Was treibt drei Vermögensmilliardäre aus Zug an, eine Volksinitiative zur Stärkung der Souveränität der Schweiz anzustrengen? Wie sie selbst betonen, haben sie weder als Unternehmer noch als Privatpersonen einen Vorteil vom Kampf um die Souveränität der Schweiz.
Geld- und Geopolitik im Zeitgeschehen
Vorträge und Gespräch mit Béla Szoradi
27. April, 20:00, 21. Mai 2026, 19:00, Dornach
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